Who the fuck is Helga Blohm? Eine Reise von Ambush zur Helga Blohm Dynastie.

Vor Jahren bekam ich die CD „Somnambule“ der Berliner Band mit dem sonderbaren Namen. Später erfuhr ich, dass hier Musiker aus verschiedenen HC-Bands der 90er Jahre am Start waren und etwas völlig anderes, befreiendes, charmant lo-fi-artiges geschaffen hatten. Tobias Werner (ex-Ambush), Uwe Gerstenberger (ex-DMB) und Oliver Röhrig (ex-Not The Same) gingen zehn Schritte zurück und erschufen aus Folk, Punk und Psychedelic etwas jenseits allen Mainstreams, etwas, wofür die richtigen Drogen erst noch erfunden werden müssen. Zum 10-jährigen HBD-Jubiläum, kurz vor Fertigstellung des fünften Albums traf ich Gitarrist Tobias Werner und wir sprachen über seine Ex-Band Ambush und den schwierigen Übergang zur HBD, über das Älterwerden im Allgemeinen, das Musikbusiness im Speziellen und letztlich über den Bandnamen, aber dieses Geheimnis muss der geneigte Leser wohl selbst lüften.. Von Stefan Hauser.

Die HBD feiert ihr 10-jähriges Jubiläum, zeit für ein kleines Resümee. Was war eure Intention, die Band zu starten? Was waren eure Ziele?
Dazu muss ich weiter ausholen. Mit der Auflösung von Ambush war eine Ära zu Ende gegangen. Das waren sehr intensive Jahre, die viel Energie gesaugt haben und letztlich auf einem Perfektionslevel endeten, aus dem es keinen Ausweg mehr gab. Davon musste sich jeder erstmal erholen und sich irgendwie im Leben neu orientieren. Für mich war klar, dass ich weiter Musik machten wollte. Ungefähr ein Jahr lang habe ich eigene Stücke mit verschiedenen Leuten aufgenommen. Das war vielleicht meine freieste musikalische Phase überhaupt. Etwa zu diesem Zeitpunkt kam Oli Röhrig nach Berlin und hat angefangen, zuhause seine eigenen Songs zu spielen, wunderbar simpel und unschuldig.

War das quasi die Geburtsstunde von HBD?
Nein. Wir kannten uns alle aus der HC-Szene, waren gut befreundet. Anfangs zählte nur der reine Sessiongedanke, erst später entstand daraus dann HBD.

War es schwer, Ambush zu Grabe zu tragen?
Rückblickend war es eher eine Befreiung. Damals zuerst ein Fall ins Bodenlose, mit allen Begleiterscheinungen. Zum Glück gibt es LSD...

Ambush waren ja relativ erfolgreich.
Jetzt, zehn Jahre danach, habe ich noch Begegnungen mit Menschen, bei denen wir damals wohl enorme Spuren hinterlassen haben. Leute, die z.T. auch später auf Ambush stießen oder uns auf der Bühne erlebt haben. Wenn Du Erfolg so definierst, dann ja. Auch wenn uns das damals nur in Ansätzen klar war.

Da gab es kurz vor dem Ende noch eine deprimierende England-Tour...
Und danach noch ein Doppelalbum. Hinterher standen wir alle an dem Punkt, professionell weiterzumachen und unsere Ärsche zu verkaufen oder unsere Seelen zu retten.

Hast Du je darüber nachgedacht, wo du heute mit Ambush stehen würdest?

Das ist spekulativ, gerade wenn man sieht, wie sich das ganze Musikbusiness entwickelt hat. Damals bei Ambush basierte unsere Musik auf einer gewissen Antihaltung. R`n`R hatte noch diese Gefährlichkeit, die brisant und inhaltsvoll war. Heute ist das eher Fahrstuhlmusik. Schau dir Konzerte an, man sieht kaum noch Leute, die ihre Hemmungen verlieren und sich fallenlassen können. Viele Bands würden andererseits alles dafür tun, um mal 20 min. auf der Bühne stehen zu können... einfach würdelos.

Ich weiß, du du meinst. Alles ist reglementiert, Lautstärke, Öffnungszeiten, Rauchen, ect....
Es gibt zwar noch eine Gegenkultur von Menschen, die immer noch ihren Idealismus leben, aber es wird immer schwieriger, sich nicht vereinnahmen zu lassen..
War es für dich schwer, nach Ambush wieder von Punkt Null anzufangen?
Man fängt ja nie ganz von null an. Ich hatte mich verändert und plötzlich waren da wieder neue Möglichkeiten...

Wann haben Oli und Du gemerkt, dass ihr eine „richtige“ Band seid?
Wir haben zu zweit begonnen, die erste CD „Somnambule“ einzuspielen, noch mit dem Ambush-Drummer Gunnar. Gerste, der neue Drummer, kam dann dazu und es hat sofort gefunkt. Von ihm stammt übrigens auch der Bandname. Die ersten Konzerte haben beide abwechselnd gespielt. Ein richtiges Dreierding wurde es nach ungefähr drei Jahren. Man kann also sagen, HBD besteht richtig seit 7 Jahren.

Was ist der grundlegende Unterschied zwischen Ambush und HBD in Sachen Arbeitsweise, Bandgefüge und genereller Herangehensweise an Musik?

Abgesehen (natürlich) von den verschiedenen Individuen hat sich die Arbeitsweise bei Ambush über die Jahre sehr verändert. Am Schluss waren es eher nur noch Sessions. Wir haben uns im Proberaum getroffen und einfach stundenlang musiziert. Dabei sind dann Songs entstanden. Bei HBD entwerfen Oli oder ich die Songs, wir treffen uns dann und arbeiten eigentlich nur an Stücken. Anstatt sich in Improvisationen zu verlieren, die dir als Musiker vielleicht eine Menge geben, den Zuhörer aber langweilen, haben wir stattdessen von Anfang an das Universum „Song“ erkundet. Ambush war rückblickend vielmehr Auseinandersetzung, auch Verarbeitung gesellschaftspolitischer Veränderungen, rückblickend eine eher düstere Angelegenheit, Musik passend zur damaligen Zeit. Obwohl es natürlich auch Auseinandersetzungen gibt, herrscht bei HBD ein ganz anderer Harmoniegedanke. Du weißt, Du willst mit den Jungs vielleicht auch mit 60 oder 70 noch zusammenspielen. Es geht nicht mehr ausschließlich um diesen „Hier&Jetzt“-Gedanken. HBD- A Band like a Brand. Das trifft es ganz gut.

HBD waren ja sehr sparsam mit ihren Veröffentlichungen. 4 Outputs in 10 Jahren sind ja nicht gerade viel.
Substanz ist wichtiger als Masse, gerade in einer Zeit, die uns mit Veröffentlichungen überschwemmt. Aber auch wir sind an einem neuen Album dran. Generell gehen uns die Songs jetzt viel leichter von der Hand. Wir brauchen viel weniger als Zeit als früher, als jeder mehr mit seinen Instrumenten beschäftigt war und haben gelernt, mit weniger Mitteln mehr auszudrücken. Ob man verstanden wird, ist natürlich die andere Frage... es ist alles wesentlich lockerer geworden, wir machen uns einfach keinen Druck mehr.

War das eigentlich eine Frage des persönlichen Befindens, dass ihr über Jahre im sitzen gespielt habt, gewissermaßen „gemütlich“?
Wie gesagt, wir kamen alle aus dem Punk bzw. Hardcore. Der Neuanfang war dann ganz ursprünglich. Zwei Mann, zwei Gitarren, Gesang. Ganz reduziert und konsequent. Erst nach und nach kamen dann andere Instrumente dazu. Wir sind heute gewohnt, durch Lautstärke beeindruckt zu werden, deswegen ist es viel schwieriger, leise Musik zu spielen bzw. die Leute zum Zuhören zu bringen. Aber ich habe ja schon immer nebenbei akustische Musik gemacht. Viele Solosachen und mit Ambush-Bassist Tom Rusnak das Projekt Hitler, das eher auf Folk basierte. Vor zehn, fünfzehn Jahren war das aber eine ganz untypische Geschichte. Techno war aktuell und Bands eher abgemeldet, das sieht heute wieder ganz anders aus.

Es ist mittlerweile viel passiert, hat sich eurer Intention, Musik zu machen, verändert?
Das Umfeld hat sich verändert, klar. Sowohl persönlich als auch allgemein. Es wird schwieriger, mit Musik Öffentlichkeit zu erreichen. Es gibt Massen von Bands, deren Musik überall und jederzeit auf der Welt verfügbar ist. Das hat einen gewissen Überdruss geschaffen. Ich frage mich schon manchmal, wer braucht deine Musik, wer will das hören? Wer braucht dieses Interview hier?

Es gibt immer Leute, die das hören wollen.
Klar. Darüber darf man sich wahrscheinlich keine Gedanken machen. Die Intention, Musik zu machen, ist die selbe geblieben. Schon mit Ambush haben wir uns dafür entschieden, nicht von der Musik leben zu wollen, jeder wollte sein eigenes Leben durchziehen. Unabhängig! Ich mag nach wie vor diesen D.I.Y.-Gedanken.

Seid ihr eine, im positiven Sinne, altmodische Band?
Ich würde uns eher als antimodisch bezeichnen, da wir auf Zeitgeist keinen Wert legen. Persönlich denkt da jeder in der Band wahrscheinlich anders, aber ich fordere: „Schaltet eure Bildschirme ab und lasst eure Schamhaare wachsen!“ HBD ist eine Band, die man nicht klassifizieren kann.

Über all die Jahre, in denen ich euch kenne, ist mir keine passende Bezeichnung für euren Sound eingefallen.
Das ist nicht von uns bezweckt. Vielleicht wirkt das sympathisch, ist aber meistens eher hinderlich, wenn die Veranstalter nicht wissen, was sie auf ihre Plakate schreiben sollen. Vielleicht sind wir auch zu speziell geworden? Je älter man wird und je mehr man entdeckt, desto eher begreift man, dass Musik ein Riesenuniversum ist und diese Sachen lässt du alle in deine Musik einfließen.

Wie entsteht eine neue HBD-Scheibe?
Ich höre mir selten eine Platte nach ihrer Fertigstellung an, weil ich die Songs selber aufnehme und abmische und jedes Lied mindestens fünfhundert Mal anhören muss. Um mit einer neuen Platte beginnen zu können, muss ich erstmal wieder völlig leer sein. Was schwierig ist, weil man mit einer Fülle an Information zugeschissen wird. Das geile am Osten war, dass es keine Werbung gab. Alles war grau und leer und man konnte diese Leere selbst füllen, mit Träumen oder Ideen. Jeder konnte sein eigenes, ihm wichtiges Universum schaffen.

Wie schaffst du es, diese innere Leere zu erreichen?
Natur. Wohin geht die Helga Blohm Dynastie? Jedenfalls nicht mehr zurück Ich frage mich natürlich auch, wenn ich mit 40 Jahren durch Europa fahre und irgendwo im Schlafsack penne, wozu das Ganze gut ist und ob das das alles noch einen Sinn hat. Aber genau dafür mache ich Musik. Es ist wie eine Art Reinigung. Und solange die guten Momente überwiegen, lohnt es sich, die Sache fortzusetzen. Nur zum Selbstzweck will ich nicht spielen.

Die Schlußfrage. Was waren deinen letzten musikalischen Offenbarungen?

Timber Timbre. M. Ward. Die neue Flaming Lips. Und wiederentdeckt: Amebix „Monolith“

 

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